Samstag, 17. Juni 2017

Harald Lesch, Klaus Kamphausen: Die Menschheit schafft sich ab.

Das Buch ist nicht nur eine präzise Beschreibung des ökologischen Stands der Dinge. Die Autoren versuchen auch, eine Erklärung dafür zu finden, wie es dazu kam. Was treibt eine Spezies dazu, den Ast abzusägen, auf dem sie sitzt? Warum besitzen nur acht Männer (Update 2017) so viel, wie die gesamte ärmere Hälfte der Menschheit. Und was wollen die mit dem Geld? Dieses Buch gibt Antworten, wirft aber auch neue Fragen auf. Dieses Buch wäre eine extrem wichtige Argumentationshilfe und das ultimative Nachschlagewerk für den interessierten Geographielehrer.

Wäre?
Ich habe es ja schon an anderer Stelle geschrieben: Ich stelle hier nur Bücher vor, die mir so gut gefallen, dass ich sie auch zuende lese. Damit sind meine Artikel auf diesem Blog immer Empfehlungen, niemals Verrisse. Das heißt aber nicht, dass mir an den hier vorgestellten Büchern alles vorbehaltlos gefällt. Und bei diesem Buch gibt es auf der "aber"-Seite durchaus etwas anzumerken:
  • Zunächst einmal etwas rein Formales: Das Buch wurde auf schwerem Kunstdruck-Papier und durchgehend im Farbdruck hergestellt. Für ein Buch, in dem völlig zu Recht die Ressourcenverschwendung durch die Menschheit angeprangert wird, stellt das m. E. eine ganz erstaunliche Ressourcenverschwendung dar, die die Glaubwürdigkeit des Buches zumindest in Frage stellt. 
  • Die Autorenschaft bleibt intransparent. Zwar tauchen auf dem Cover zwei Namen als Autoren auf, es bleibt aber unklar, welche Rolle jeder der beiden Herren spielt. Ist der Sachbuchautor Klaus Kamphausen Autor im Sinne eines Ghostwriters, vielleicht in Anlehnung an eine von Harald Leschs Vorlesungen? Oder steuern beide Autoren gleichberechtigt Kapitel zu dem Werk bei? Und wenn ja: Wer liefert welche? Außerdem tauchen in dem Buch gleich mehrere Mitschriften von Interviews auf, die ein mit "Q" abgekürzter Mensch führt. Ich habe nirgendwo einen Hinweis darauf gefunden, wer "Q" ist. An deutschen Universitäten darf für wissenschaftliche Arbeiten i. d. R. nicht aus der Wikipedia zitiert werden. Argumentiert wird auf Professorenseite damit, dass die Autorenschaft bei der Wikipedia intransparent ist. Also kann ich auch aus diesem Buch nicht zitieren, wenn ich ein wissenschaftliches Werk verfassen möchte. Auch nicht bei Abituraufgaben. Das ärgert mich.
  • Und noch etwas ärgert mich. Das Buch enthält sachliche Fehler.
    Ein paar Beispiel gefällig?
    Seite 114: "(...) die Mitochondrien-DNA, auch RNA genannt." Nein, Herr Lesch! Bei allem Respekt, Herr Kamphausen. Die Mitochondrien-DNA nennt man nicht RNA!
    Seite 124: "Die Gletscher, die in Deutschland (...) von Skandinavien bis ungefähr zu einer Linie Berlin-Düsseldorf vorgedrungen waren, zogen sich allmählich zurück." Bis zum späteren Düsseldorf hat es das Eis in der letzten Kaltzeit nur einmal geschafft. Zu diesem Zeitpunkt lag aber das Gebiet des heutigen Berlin unter dicken Gletschern begraben und war weit von den Gletscherzungen entfernt. In der Regel war die Eisgrenze viel weiter im Norden. Das ist kein Geheim- oder Spezialistenwissen. Dazu muss man nur einmal den Diercke-Atlas aufschlagen oder in der Wikipedia (!) schmökern.
    Seite 357: Die Legende der Karten ist falsch beschriftet. (Nur mal so als Beispiel: blau = Wüstenklima kann nicht stimmen.)
Das muss reichen. Ich will ja nicht den von mir so geschätzten Herrn Lesch in die Pfanne hauen. Aber der geneigte Leser möge mir bitte glauben: Es gibt weitere Fehler.
Die Autoren sind bemüht, und das finde ich prinzipiell sehr löblich, sich einen interdisziplinären Blick auf die dargestellten Sachverhalte zu bewahren. Dass der Astrophysiker und Philosoph Lesch sich dabei auch einmal in die Niederungen der Geographie oder der Biologie begibt ist gut und richtig. Dass ihm oder Herrn Kamphausen (das bleibt, wie schon gesagt, intransparent) dabei Fehler unterlaufen, ist fast schon zu erwarten. Deshalb sollte man ein interdisziplinäres Werk wie dieses von Gelehrten der verwendeten Disziplinen Korrektur lesen lassen.
Warum ärgert mich das so sehr? Ganz einfach: Natürlich bin ich, wie vermutlich jeder Lehrer, immer auf der Suche nach im Unterricht verwendbarem Material. Von diesem Werk habe ich mir einen ganzen Fundus an Unterrichtsmaterial versprochen. Doch wenn ich so grobe Fehler in den Disziplinen finde, von denen ich etwas verstehe, dann kann ich mich nicht darauf verlassen, dass in den Disziplinen von denen ich wenig verstehe, keine Fehler auftauchen.
Das ist natürlich schade, denn dieses spannende Werk wurde ganz sicher mit viel Liebe zum Detail gestaltet und verfasst.

Trotz der "Aber"-Liste: Ein gutes und wichtiges Buch. Lesen, und zwar unbedingt und sofort. Ich persönlich empfehle jedoch wegen des Punktes eins meiner "Aber"-Liste die Ebook-Version.

Mittwoch, 24. Mai 2017

Rolf Schlicher (Text), Gabi Himmer (Fotos): Das Pfälzer Tischleindeckdich

Das im Rheinpfalz-Verlag erschiene Büchlein mit dem märchenhaften Titel ist nicht mehr und nicht weniger als das ultimative Kompendium für Freunde der Freiluftmahlzeit in der Pfalz. Wer auf seinen Wanderungen durch die Pfalz gerne einen Happen zu sich nimmt und ein Gläschen trinkt, der kommt garantiert auf seine Kosten. Der Rheinpfalz-Redakteur beschreibt in wohl gesetzten Worten die schönsten Picknickplätze in der Pfalz, diese werden mit recht persönlich anmutenden Fotos wunderschön bebildert, und zu allem Überfluss sind in dem schönen Band auch noch Rezepte drin. Die Wegbeschreibungen sind präzise, und dass die geographische Lage zusätzlich noch in Form von QR-Codes beigesteuert wird, macht das Werk zu einem Wanderführer, der ins 21 Jahrhundert passt. Ich gebe es zu: Ein Wenig verliebt bin ich schon in das Buch.

Lesen, und zwar unbedingt und sofort.
Das "Pfälzer Tischleindeckdich" hat das Zeug sich zum Leitfaden für mein diesjähriges Sommerferien-Fotoprojekt aufzuschwingen. Vielleicht nehme ich das letztjährige Projekt ("Panorama") noch einmal auf, und klappere dafür die Picknickplatz-Empfehlungen des Herrn Schlicher ab.

Montag, 22. Mai 2017

Richard Dawkins: Der blinde Uhrmacher

Als dieses Buch 1986 in den Handel kam, war der Autor bereits berühmt wegen seines ersten Werks "Das egoistische Gen", in dem er eine neue Sichtweise der darwinistischen Evolutionslehre vorschlägt, mit der man die wenigen bis dahin noch existierenden Unschlüssigkeiten in dieser Theorie sehr elegant erklären kann. Im "Uhrmacher" findet der Leser nun ein weiteres, flammendes Plädoyer für diesen neuen Darwinismus. Noch ist von seiner heutigen religionskritischen Haltung nichts zu spüren. Dawkins lehnt es lediglich ab, einen Gott als Erklärung für die Vielfalt des Lebens heranzuziehen. Er belegt an vielen Beispielen, dass sich das Leben über Jahrmilliarden in vielen aufeinanderfolgenden Mutationsschritten zu seiner heutigen Form entwickelt hat. Dawkins programmierte hierzu in der Frühzeit des PC ein paar einfache Simulationen, die man heute noch als Webanwendungen auf [http://www.mountimprobable.com/#] bestaunen kann. Dem deutschen Taschenbuchverlag ist es zu verdanken, dass dieses Buch im Jahr 2008 unverändert neu aufgelegt wurde. Für ein wissenschaftliches Buch ist das eine äußerst ungewöhnliche Verfahrensweise, doch es unterstreicht den zeitlosen Wert des "blinden Uhrmachers".
Richard Dawkins eröffnet Horizonte.

Lesen, und zwar unbedingt und sofort.