Donnerstag, 26. April 2012

Walter Landin: Eiswut

Hauptkommissar Lauers Sohn geht sehr fürsorglich mit seinem Vater um: Zum Geburtstag schenkt er dem als Single lebenden Polizisten ein Halbjahresabonnement für eine lokale Singlebörse. Es soll nicht vereinsamen sondern lieber aktiv nach einer Partnerin suchen - meint er. Lauer tut wie ihm geheißen und lässt sich auf die Partnersuche ein. Bald wird er fündig und lernt eine nette Dame kennen. Dumm nur, dass diese gleichzeitig auch Zeugin in seinem aktuellen Mordfall ist. Auch das Opfer war auf www.mannheim-flirtet.de aktiv, er und Lauers neue Flamme waren einmal kurzzeitig liiert. Und so vermischt sich Berufliches und Privates, eine emotionale Achterbahnfahrt für den Ermittler beginnt.

Walter Landin zeigt die Menschen, wie sie sind. Mit guten Seiten und auch mit ihren Schwächen. Er erschafft Charaktere, keine Skizzen. So begreift man ihre Handlungen und die dahinter stehende Motivation. Auch die des Täters, der letztendlich auch nur ein Opfer ist. Viele verschiedene Handlungsstränge fügen sich in diesem Roman zu einem logischen Gesamtbild. Ein tolles und vielschichtiges Buch.

Lesen!

Montag, 16. April 2012

Rudolf Jagusch: Eifelbaron

Der junge Kommissar Welscher wird vom lebenslustigen Köln in die frostige Eifel versetzt. Ausgerechnet! Dabei glaubte er, dem dörflichen Mief seiner alten Heimat schon vor vielen Jahren endgültig entwischt zu sein. Zu allem Überfluss knirscht es auch noch in seiner Beziehung. Ein Umstand, der durch das tägliche Pendeln auch nicht gerade vereinfacht wird.

Sichtlich genervt nimmt er sich seines ersten Falls an seiner neuen Dienststelle an: ein örtlicher Unternehmer wird mit einem Kopfschuss ermordet aufgefunden. Genauer: von dem Kopf ist so gut wie nichts mehr übrig. Sofort stößt ihm die völlig unprofessionelle Vorgehensweise seiner Provinzkollegen sauer auf. Als die dann auch noch einen vermeintlichen Lokalreporter, der mitten im Winter auf einer Harley-Davidson angetuckert kommt, zum abgesperrten Tatort durchwinken, platzt ihm beinahe der Kragen. Doch es kommt anders als vermutet: der kälteresistente Motorradfahrer entpuppt sich als Hauptkommissar Horst "Hotte" Fischbach, sein neuer Chef.

Der Roman von Herrn Jagusch steckt voller bizarrer Ideen, der Krimiplot ist äußerst kompliziert und die Handlung spannend bis zur letzten Seite. Trotzdem kommt der Humor nicht zu kurz. Besonders lobend hervorheben möchte ich, dass der Autor dem Leser viel Zeit gönnt, seine Charaktere zu entdecken. Die fallen nicht wie ein Schimanski mit der Türe ins Haus, sondern sind vielschichtig und stecken voller Überraschungen. Auch wenn der Fall am Ende des Buches vollständig aufgeklärt wird, so bleiben noch viele Fragen zu den Protagonisten offen. Viel Potenzial für eine Fortsetzung. Und auf die freue ich mich schon sehr.

Ein tolles Buch! Unbedingt lesen!

Mittwoch, 11. April 2012

Ralf König: Antityp

Paulus ist wirklich kein einfacher Mensch, im Grunde genommen ist er seit seinem Pferdesturz ein ziemlicher Spinner. Den anderen Aposteln geht er derart auf die Nerven, dass sie seine Idee, fortan die Heiden zu missionieren, begeistert unterstützen. Sie würden sich weiterhin um die Juden kümmern, er solle es mit den Griechen und Römern versuchen. Die Apostel atmen hörbar auf, als er ihnen endlich den Rücken kehrt und sich nach Griechenland einschifft.

Schon die Überfahrt ist abenteuerlich und kitzelt am Zwerchfell. Ich werde jedoch hier nicht den Fehler begehen, und Pointen vorwegnehmen. Diese Geschichte sollte man schon selbst lesen.

Ja. Dieses Buch kritisiert das Christentum. Aber das kann man dümmlich und primitiv tun, oder respektvoll und mit einem Augenzwinkern. Ralf König tut es eher respektvoll, indem er sich vieler Originalzitate bedient. Und die werden, in aller gebotenen Kürze, sogar im richtigen Kontext dargestellt. Er reiht nicht einfach eine Plattitüde an die andere, sondern setzt sich mit der Geschichte um den Apostel Paulus auseinander. Und zwar ernsthaft. Nur so kann man sich die für eine glaubwürdige Kritik notwendige Sachkunde aneignen. Und erst dadurch wird es komisch.
Und augenzwinkernd kritisiert er... Nun, wie sollte man einen Apostel mit Knollennase nicht augenzwinkernd meinen? Die Figur ist einfach zu drollig - man muss sie einfach gern haben!

Wer sich durch dieses Buch in seinen religiösen Gefühlen verletzt fühlt, der ist selbst schuld. Gemeint ist es so nicht, das glaube ich Herrn König.

Lesen, und zwar sofort!

Ralf König: Archetyp

Noah, ein fünfzigjähriger Familienpatriarch von kleinem Wuchs und mit fusseligem Bart, neigt zum Herumfrömmeln und Moralisieren. Regelmäßig besucht er die Städte Sodom und Gomorrha, um die Verderbtheit seiner Einwohner zu studieren. Dann kommt er frühmorgens sturzbetrunken nach Hause, schläft bis in die Puppen und strapaziert am nächsten Morgen völlig verkatert die Geduld seiner Frau und seiner Söhne. Kurzum: er nervt! Und zwar nicht nur seine Familie, sondern auch seine Nachbarn. Selbst Gott höchstpersöhnlich verdreht wohl die Augen, wenn Noah mit ihm sprich. Nur, dass man das in diesem Buch nicht sehen kann. Aber man liest aus seinen Antworten heraus, als Noah eines Tages zu ihm kommt, und die Apokalypse zur Vernichtung aller Sünder verlangt. Völlig enerviert von Noahs Gezeter lässt Gott sich darauf ein. Doch schon bald schließt er einen Pakt mit Noahs listiger Frau, um dem alten Nöhlkopf eine Lehre zu erteilen.

Was wie eine Verhonepiepelung der Biblischen Geschichte klingt (und vielleicht aus so gemeint ist), mündet schließlich in eine äußerst liebevolle Hommage an die Schöpfung. Und die ist ja wirklich schön, ob man nun an einen Schöpfer glaubt oder nicht.

Auch dieser zweite Teil von Ralf Königs Bibeltrilogie ist wieder eine bezaubernde Neuinterpretation einer alten Geschichte. Mit viel Witz und Augenzwinkern, aber das hätte ich vom Schöpfer eines Knollennasennoah wie diesem auch nicht anders erwartet.

Unbedingt lesen, und zwar sofort!

Und jetzt noch schnell den dritten Teil ;-)

Ralf König: Prototyp

Was genau ist eigentlich passiert, nachdem der erste Mensch in eine Frucht vom Baum der Erkenntnis gebissen hat? Nun - er begann, Fragen zu beantworten:

Gott: "Wieso fiel der Apfel vom Baum?"
Adam: "Wegen der Gravitation! Jede Masse zieht jede andere Masse mittels der Schwerkraft an!
[...]

Luzifer: "Die Erde ist ein Ball?! Ketzerei!!! Die Sterne sind Sonnen?! Blasphemie!!! Der Weltraum ist unendlich?! Ketzerei!!! Hab ich was vergessen?!!"
Adam: "Die Erde bewegt sich um die Sonne!!"
[...]

Eva: "Gibt es eine andere Frau?" [...]
Adam: "Aber Nein! Es gibt doch nur Dich! Du bist die Einzige!" [...]
Eva: "Entschuldige, dass ich gefragt habe! Natürlich gibt es keine andere Frau!"
Adam: "Eben. Die kann ich mir ja nicht aus den Rippen schneiden!"

Um diese und andere tief schürfende Fragen geht es in der König'schen Version des Schöpfungsberichts. Die Antworten sind oft ebenso verblüffend wie originell!

Ich freue mich schon auf die Teile zwei und drei der Comic-Trilogie.

Unbedingt lesen, und zwar sofort!

Sybille Zimmermann (Hrsg.): Riesling-Leichen

Wer ist das kleine Mädchen mit den schönen Haaren, das in Duttweiler die Dorfsprechanlage sabotiert hat? Welche Bedeutung haben die erotischen Tagträume der Kommissarin, denen sie sich während eines Verhörs hingibt? Warum halten auf einmal alle die die unscheinbare Lilly für ihre beste Freundin, die schöne Margot?
Wenn 23 Autoren gemeinsam ein Buch mit Kurzgeschichten füllen, dann kann sich der Leser auf so manche Überraschung gefasst machen. Das Buch ist ein Füllhorn für teils humorvolle, teils auch gruselige Geschichten von völlig unterschiedlicher Machart. Eines haben sie alle gemeinsam: Sie sind pointiert, voller verblüffender Ideen und sie spielen allesamt in den Weinanbaugebieten des deutschen Südwestens.

Lesen!

Montag, 9. April 2012

Ralf König: Der dicke König

Es trägt seinen Namen völlig zu recht: das großformatige Comicbuch ist mit seinen über 300 Seiten so dick und so schwer wie ein Telefonbuch. Da ich die relativierende Wirkung der Comics von Ralf König auf mein Zeitempfinden kenne, habe ich es nach dem Erwerb nicht ausgepackt und bis zu den Osterferien in meinem Lesezimmer liegen gelassen. Heute war es endlich so weit:
Nach dem Abreißen der Folie fiel mir zunächst die opulente Ausstattung auf: fester Einband, Lesebändchen, sogar die Vorsatzseiten sind mit Bildern gestaltet. Schweres Papier und der brillante Farbdruck machen einen wertigen Eindruck. Ich liebe es, schöne Comicbücher auszupacken! Es folgt ein Vorwort des Journalisten und Literaturkritikers Denis Scheck. Und obwohl ich Vorworte sonst überspringe, habe ich mir dieses genüsslich durchgelesen - ich wollte die Vorfreude noch ein Wenig genießen.

Dann habe ich mich über viele wunderschöne und liebevoll gestaltete Comic-Kurzgeschichten aus dem Universum der Knollennasenmännchen hergemacht. Ab und zu tauchen darin sogar Frauen auf, aber das ist wirklich sehr selten. Immer lustig, teilweise aber auch durchaus nachdenklich, nimmt Herr König hier den Alltag von Homosexuellen unter die Lupe, ihr älter Werden und andere ihrer Sorgen und Nöte. Es finden sich auch Hommagen an Literaturklassiker - allein ein ganzes Kapitel ist dem wunderbaren Wilhelm Busch gewidmet. Die großen Weltreligionen und ihr Bodenpersonal kommen ebenfalls nicht ungeschoren davon.

Ich habe den "dicken König" fast in einem Stück verschlungen, lediglich eine Kaffeepause am frühen Nachmittag habe ich mir gegönnt. Und ich habe fast die ganze Zeit dabei geschmunzelt, gelacht, gekichert und mir vor Vergnügen auf die Schenkel geschlagen. Zugegeben: Es geht teilweise recht deftig zu in den Comics des Herrn König. Einem Kind würde ich dieses Buch deshalb nicht unbedingt empfehlen. Aber es wird vom Ehapa-Verlag vertrieben und steht im Comicbuchladen nicht im Giftschrank - ganz so schlimm kann es also nicht sein. Da waren Ralf Königs Frühwerke von ganz anderem Kaliber.

Alle verfügbaren Daumen nach oben und fünf Sterne.
Ein tolles, geradezu bezauberndes Buch, das ich jedem aufgeklärten Menschen zu Lesen ans Herz legen möchte.

Montag, 2. April 2012

Lilo Beil: Die Mauern des Schweigens

Auf dem Heidelberger Philosophenweg wird eine Leiche gefunden. Ein Mann wurde zunächst erstochen, dann in ein barockes Kostüm gesteckt und entsprechend der Mode des Barock geschminkt. Kommissar Melzer erhält in diesem Zusammenhang einen anonymen Brief, der in derart altertümlicher Sprache verfasst wurde, dass die Vermutung eines Zitats nahe liegt. Und richtig: Es handelt sich um ein Schreiben, welches die damalige Herzogin Elisabeth Charlotte von Orléans, auch bekannt als Liselotte von der Pfalz, im Jahr 1705 verfasst hat. Sein Freund Gontard, der eigentlich schon den Ruhestand genießt, bietet ihm seine Hilfe an. Und so kommt es, dass Friedrich Gontard wieder ermittelt. Bald stellt sich heraus, dass der Tote selbst ein Täter war, dass auch er in der Vergangenheit Leben zerstört hat. Doch darüber hat damals niemand gesprochen.

Der Protagonist Gontard ist kein Actionheld, kein wild um sich schießender Draufgänger oder gar Raufbold. Er ist ein in die Jahre gekommener Ex-Polizist, der ebenso so ruhig wie besonnen ermittelt. Diese Ruhe und Besonnenheit sind es, die ihm das Vertrauen der in den Fall verstrickten Personen einbringt. Nach und nach öffnen sie sich und es kommen furchtbare Geheimnisse zum Vorschein.

Auch in diesem Gontard-Krimi widmet sich Frau Beil einem überaus heiklen Thema, welches in der Vergangenheit gerne totgeschwiegen wurde. Geschickt verflicht sie mittels eingestreuter Briefe mehrere Zeitebenen. Die Figuren des Romans werden so greifbarer und glaubwürdiger.

Unbedingt lesen!